Everything

Home About the Blog Archiv Gästebuch Contact Abonnieren

About

...Me ...Memories ...Essstörungen ...Depressionen ...sonstiges

Links

Link Link Link Link Link

Credits

Design by
Designer
Pfefferminztee

Gleitend stieg der heiße Dampf wie schwere Nebelschwaden empor, während der minzerne Duft zärtlich ihren Geruchssinn umspielte und sie zu beruhigen schien. Sie liebte diesen Duft, er hatte etwas mildes, etwas vertrauliches, etwas, was sie an früher erinnerte und langsam ließ sie ihre blassen, schlanken Hände sinken und legte sie um die noch immer kochend heiße Tasse. Sie war die einzige Wärmequelle in dem kühlen, dunklen Raum über den sich wie im gesamten Land die tiefe Nacht gelegt hatte.

Als sie die Augen schließ, strichen ihre nackten Füße für einen Augenblick über die eiskalten Fliesen und ließen den frierenden Körper für den Bruchteil einer Sekunde vor Schreck zusammenzucken, doch wusste sie auch, dass die räumliche Kühle nichts im Vergleich zu der schmerzlichen Kälte war, die tief in ihrem Innern an ihr nagte und sie zu zerstören drohte, die einsame Kälte, deren Namen sich Verzweiflung schimpfte. Sie weinte nicht, wollte ihren Tränen, die sie so lang für sich behalten musste, die sie niemals äußern durfte, nicht freien Lauf lassen. Langsam glitt der Blick minzgrüner Augen hinaus zum Fenster, an das leise, fast einschläfernd und beruhigend der Regen prasselte und verzerrt die schimmernden Strahlen des silbrigen Mondlichtes auf die kühlen Küchenfliesen fallen ließ. Die Einsamkeit nagte an ihr, obwohl sie wusste, dass er nicht weit entfernt war, er war ihr nahe, so nahe, dass es ihr weh tat, so nahe, dass sie wusste, sie würde ihm nie entkommen. Wie oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, jetzt, in tiefster Nacht, allein in einem Raum, der sie vor Kälte zittern ließ, zu gehen. Fort, für immer, einfach weg aus dieser Hölle, die sie ihr zu Hause nennen musste. Zögerlich hatte sie die schlanke, fast schneeweiße Hand erhoben und lange, dünne Finger strichen zärtlich über die blassen Züge ihres Gesichtes, sanft über geschlossene Augenlider und dunkle, fast schwarze Augenringe, zärtlich über hohe Wangenknochen und die kleine Narbe am Mundwinkel, liebevoll über spröde, aufgeplatzte Lippen und dem kleinen Grübchen am Kinn. Und für einen Augenblick spürte sie, wie ihr Herz lächelte, über die kurze, zärtliche Berührung, auch wenn sie aus eigener Hand stammte.

Der würzige Duft betäubte ihren Schmerz für den Moment, erinnerte sie an schöne Zeiten, die Zeiten, in denen nicht nur die trockene, rissige Fassade ihres Gesichtes, sondern ebenso ihr Herz vor Glück und Liebe strahlen konnte und wieder und wieder drangen die Worte ihrer Mutter in ihr Gedächtnis, sie hatte Recht behalten, wie Mütter es oft zu tun pflegten. Auch wenn die Töchter es ungern hören wollten, so wusste sie nun, sie hätte Recht behalten. Sie hielt die Augen geschlossen, rief sich die Bilder in Erinnerung, Bilder aus Zeiten, in denen es keine einsamen Nächte gab, Bilder an denen die Sonne lachte, Bilder an denen sie vor Glück hätte schreien können und im Hintergrund die hallende Stimme ihrer Mutter "Nun, mein Kind? Bist du glücklich?"

"Du hintergehst mich, gib es endlich zu!", seine Stimme ist nicht mehr menschlich, es ist ein fast lautloses Zischen wie eine wütende Schlange, unterstrichen vom vor Zorn lodernen Blick. In den dunklen Augen lodern züngelnde Flammen - die Flammen der Leidenschaft, in die sie sich einst verliebt hatte, schlagen nun Funken von Zorn und abgrundtiefem Hass, der keine Gnade walten lässt. Als er erneut ausholt und die Spitze seiner neuen Designerschuhe fest in ihre Rippen stößt. Ihr entfährt ein leises Wimmern, die Luft war ihr längst weggeblieben, als sie zu Boden gegangen war, es muss beim ersten oder zweiten Schlag gewesen sein.
"Ich... ich.. ich habe wirklich nichts getan, ich hintergehe dich nicht.", sie keucht vor Schmerz, als sie die Worte trotz des unglaublichen Stechens in ihren Knochen hervorbringt. Dass sie die Wahrheit sagt, steht für ihn außer Frage, sowohl er als auch sie wissen, dass es hier nicht um sie geht, sondern um das Gefühl von Macht, welches er auslebt, jeden Tag aufs Neue. Sie schließt die Augen, betet nicht nur in diesem Moment, dass seine Kraft bald ein Ende haben möge, dass er sie in Ruhe ließe, dass er wieder zur Besinnung kam. Mühsam versucht sie den vor schmerz pochenden Körper aufzurichten, ehe er erneut ausholt. Sie sieht ihn nicht, die Umrisse der Möbel im Zimmer verschwimmen vor ihren Augen, als der nächste Tritt sie in die Magengegend trifft, ihr den Atem raubt und sie erneut zusammenbrechen lässt. "Lüg mich nicht an! Lüg mich verdammt nochmal nicht an, du verdammtes Miststück!", es ist ein wutendbranntes Brüllen, so laut, dass sie hofft, es möge endlich jemand hören.
Warum hilft mir denn niemand? Warum hört ihn denn niemand? Was habe ich nur falsch gemacht? Ich wollte dir doch nur nahe sein? Warum hilft ihm denn niemand? Gedanken, die ihr durch den Kopf gehen, als sie glaubt, ihren letzten Atemzug längst gemacht zu haben. Sie weiß nicht mehr, wie oft er zuschlägt, wie oft seine Tritte ihr seinen Hass vermitteln, den Hass, den er als Liebe tarnt. Sie schmeckt das Blut auf der Zunge und nun weiß sie, es wird bald ein Ende haben, auch wenn ihr niemand geholfen hat, sie wird bald frei sein, vielleicht noch ein oder zwei Tritte, vielleicht noch ein Sturz und sie würde erlöst sein. Sie denkt an Lisa, die sie allein mit diesem Tyrann lassen muss, doch Lisa würde groß werden, er hatte sie nie angefasst, schließlich war sie seine Tochter.
Dunkles Blut rinnt ihr aus dem Mundwinkel und unter geschwollenen Lidern dringen salzige Tränen hervor die auf ihren Wunden brennen, sie traut sich nicht zu sprechen, traut sich nicht zu atmen, spürt den Schmerz nicht mehr, fürchtet sich nicht mehr. Tritt zu und lass mich endlich gehen... Doch in diesem Moment sinkt er auf die Knie und betrachtet sie mit wütendem Blick, bevor er sagt "Ich weiß dass du mich liebst und das solltest du niemals vergessen!"

Langsam perlten Tränen von ihrer Wange, bahnten sich ihren Weg über die blasse, trockene Haut, über die kleinen Narben, die Zeichen seiner Liebe. Das sollte Liebe sein? Sie senkte den Blick, blickte auf die kühle, dunkle Tischplatte und endlich fließen die Tränen, die Tränen, die sie so lang für sich behalten musste. Jetzt durfte sie weinen, er würde es nie erfahren, es war dunkel und er schlief nur wenige Räume entfernt tief und fest, er würde nicht sehen, dass er nicht nur ihren Körper verletzt hatte. Sie wusste, dass sie nicht gehen konnte, er würde sie finden, immer und überall, würde sie finden, wohin sie auch ging, er würde ihr wieder seine Liebe zeigen, würde ihr zeigen, wohin sie gehörte. Er würde ihr zeigen, dass sie mit dem Ja-Wort für immer ihm gehören würde. Bis dass der Tod sie scheide. Wie oft hatte sie gehofft, er möge sie endlich scheiden, auf dieser Welt würde sie vor ihm niemals sicher sein, die Angst würde sie auffressen, die Angst und Panik  vor ihm, doch im Tod würde er ihr nichts mehr antun können. Langsam senkte sie den Blick, legte die Stirn in die rissigen, dünnen Handflächen und wie auch ihr Körper es tat, schluchzte auch die Seele vor Verzweiflung, Kummer und Trauer, weil sie wusste, sie hätte auf die Ratschläge hören sollen, weil sie wusste, sie war Schuld an ihrem Unglück, weil sie wusste, sie würde ihn niemals verlassen, weil sie wusste, dass sie ihn noch immer liebte und weil sie wusste, dass er sie eines Tages töten würde. Während die Tränen von der spitzen Nase perlten und auf die ruhige Oberfläche des duftenden Tees aufschlugen, vermischte er sich mit dem salzigen Nass.

Sie hatte nicht bemerkt, dass der beruhigende, nächtlich aufgegossene, frische Pfefferminztee kalt wie Eis geworden war.

 

(c) Mia


24.10.09 00:35
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen
Gratis bloggen bei
myblog.de